Warren Neidich
Color of Politics – The Statisticon Neon

Hours: Wed – Sa 2-6 pm + upon appointment / Öffnungszeiten: Mi – Sa 14-18 h + auf Anfrage

An Christi Himmelfahrt – 25.5.2017 –  bleibt der Kunstverein geschlossen / The Kunstverein will be closed on 25.5.2017

Color of Politics 28.4.–24.6.17
The Statisticon Neon 28.4.–19.8.17*

The Statisticon Neon (2017) ist eine Hommage an Joseph Beuys’ monumentales Werk Das Kapital Raum 1970-1977, das zuerst 1980 im Deutschen Pavillon in Venedig zu sehen war und sich heute als Leihgabe in der Neuen Nationalgalerie / Hamburger Bahnhof in Berlin befindet. Neidich montiert sein diagrammatisches, von buntem Neonlicht gepägtes Werk auf eine zwanglose Anordnung schwarzer Tafeln, die eine Art Echo auf Beuys’ Installation sind und sich zu dieser vergleichbar einem Technicolor- zu einem Schwarzweissfilm verhalten. Das Neonlicht veranschaulicht die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft rund vierzig Jahre nach Beuys’ Werk, insbesondere die Bedeutung des Internets und seine Auswirkungen auf Arbeit und Kapital.

Das 21. Jahrhundert ist als Jahrhundert des Gehirns bezeichnet worden, seid wir jüngst vom Postfordismus in den Kognitiven Kapitalismus übergegangen sind. Der Geist und das Gehirn sind die neuen Fabriken des 21.Jahrhunderts. Während das Internet zur Zeit von Beuys’ Werk noch ein begrenztes Experiment war, arbeiten wir heute unbezahlt für Facebook, Instagram und Google, indem die von uns produzierten Daten individuelle Datenproflle ergeben, die später an Unternehmen und Sicherheitsfirmen verkauft werden.

Heute hat sich die formale Subsumption der Arbeit des Proletariats in eine reale Subsumption transformiert, in der unser ganzes Leben von Arbeit konsumiert wird, und wir sind Kognitarier geworden. Das Statisticon Neon verbindet diese Entwicklung mit dem in letzter Zeit erfolgten neurologischen Turn, in dem die Aktivität des Kapitalismus die Neuroplastizität des Gehirns mit etwas verbunden wird, das Neidich neuropower oder Neuromacht genannt hat – ein Begriff, der direkt in die Ausstellung im 2. Stock weiterführt.

Color of Politics

Wie das Geld und die Sprache ist auch die Farbe dereguliert worden. Farbe ist nicht mehr mit Form und Bedeutung verknüpft und wird ein Vehikel, durch das emanzipierte Gefühle erzeugt, politische Intrigen initiiert, aber auch Widerstand gegen institutionelle Normalisierungsprozesse realisiert werden kann. Warren Neidich setzt Farbe ein, um die politischen Voraussetzungen, Bedeutung zu schaffen, wiederzugewinnen – zusammengefasst in dem dreiteiligen Neonbild Red, White, and Blue (2007).

Bei den Afterimage Paintings (2016) bilden rote Neonskulpturen die Buchstaben der Namen der deutschen Emigranten Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Lion Feuchtwanger, die alle später in Hollywood als Kommunisten auf der schwarzen Liste standen und denen deshalb nie einen Stern auf dem Hollywood Boulevard gewidmet wurde. Neidich berichtigt dies, indem er komplementär gefärbte Nachbilder erzeugt, die dann auf leere gemalte Sterne projiziert werden, Nachahmungen derjenigen auf dem Hollywood Walk of Fame. In dem Archive of False Accusations (2016) sind in Vitrinen von lavendelfarbenem Neonlicht beleuchtet. In ihnen liegen gefundene Zeitungsausschnitte, in denen von dem „Lavender Scare“ berichtet wird, einer weniger bekannten Facette in Joseph McCarthy’s Hexenjagd auf Sympathisanten des Kommunismus: Nicht-heterosexuelle Menschen (lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender) verloren ihre Positionen im Regierungsapparat.

Der zweite Raum wird  von Neidichs neuester Skulptur Pizzagate beherrscht – eine große, dreidimensionale, wolkenartige Struktur, benannt nach der berüchtigten Verschwörungsgeschichte, die darin kulminiert, dass der Scharfschütze Edgar Welch die vermeintlich sexuell misshandelten Kinder retten will, von denen er glaubt, dass sie im Keller des Comet Ping Pong Pizza Restaurants gefangengehalten werden. Pizzagate stellt die Apparate und Muster der Ströme und der Anschlussmöglichkeiten heraus, die Fake News hervorbringen, die Köder definieren und auch das Verständnis, dass in der neuen Aufmerksamkeitsökonomie des Kognitiven Kapitalismus der neue Ort der Gouvernementalität die Neuroplastizität des Gehirns ist, vor allem derjenige im frontalen Cortex, wo die Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächnis angesiedelt sind. Es zeigt auch, dass die unablässigen ausschließlich auf Fake News basierenden Gerüchte mittlerweile weit in die Kunstwelt hineinreichen. Wer herausfinden möchte, wie einfach das funktioniert, sollte den kleinen experimentellen Aufbau in Neidichs jüngster Skulptur Trump Cup (2017) ausprobieren.

 ***English***
The Statisticon Neon (2017) pays homage to Joseph Beuys monumental work Das Kapital Raum 1970-1977 originally shown in the German Pavillon in Venice in 1980 and today on loan to Berlin’s Neue Nationalgalerie as part of Erich Marx’s Beuys-Block. Neidich mounts his diagrammatic work in multicolored neon upon a non-formal arrangement of black boards that echo the original Beuys’ installation much as a technicolor film would a black and white. His neon looks at the relationship between art and society some forty years later taking into account the role of the internet and its effect on labor and capital.

The 21st century has been called the century of the brain and recently we have transitioned from Postfordism to cognitive capitalism where the mind and brain are the new factories of the 21st century. While the internet was still an experimental paradigm at the time of Beuys’ work we now labor for free on Facebook, Instagram and Google producing data that creates individual data profiles, later sold to corporations and security firms. Today, formal subsumption of the labor of the proletariat has transitioned to real subsumption, in which our entire life is consumed by work, and we have become cognitariats. The Neon Statisticon links this development with the recent neurologic turn in which the action of capitalism is directed to the brains neural plasticity something, which Neidich has called neuropower or Neuromacht.

Color of Politics

Color like money and language has become deregulated. Color is no longer tethered to form and meaning and becomes a vehicle through which emancipated feelings, political intrigues and resistance to institutional normalization processes can become realized. Warren Neidich uses color to recoup the political conditions of creating meaning – summarized in the three part neon-painting Red, White, and Blue (2007).

In the Afterimage Paintings, (2016) red neon sculptures spell the names of German emigrants Bertolt Brecht, Hanns Eisler and Lion Feuchtwanger all of which were later blacklisted in Hollywood as communists and thus never were granted a star on Hollywood Boulevard. Neidich remedies this by activating complementary colored afterimages that are then projected upon empty painted stars mimicing those found on the Hollywood Walk of Fame. In the Archive of False Accusations (2016) vitrines illuminated by lavender neon light display found press clippings reporting on what has become known as The Lavender Scare – a less known facet of Joseph McCarthy’s witch-hunt to root out communist sympathizers.

In a second room a large three-dimensional cloudlike sculpture is installed: Pizzagate – named after the infamous conspiracy tale culminating in sniper Edgar Welch wanting to rescue the supposed sexually abused children he believed to held in the basement of Comet Ping Pong. Pizzagate exposes the apparatuses and patterns of flow and connectivity that generate False News and define click bait as well as understanding that in cognitive capitalism the new site of governementalization in the new attention economy is the brain’s neural plasticity, especially that found in the frontal cortex where attention and working memory are located. It also shows that the still virulent rumor based entirely on Fake News by now reaches well into the art world. If you want to find out how that works without fault you should try out Neidich’s most recent sculpture the small experimental setup Trump Cup (2017).

*A schedule of Neidich’s blindfolded performances in front of the neon will be posted on the Kunstverein’s webpage and on Facebook.