Activist Neuroaesthetics:
Part 1: Brain without Organs

mit Arbeiten von Douglas Gordon, Dafna Maimon, Warren Neidich, Jeremy Shaw, Ryan Trecartin & Lizzie Fitch, Tabita Rezaire, Alfred Ehrhardt

1.—12.6.21 | Di-Sa 14-19 h*


Vitreous Humour, 2021. Courtesy of Warren Neidich.

Aufgrund der aktuell geltenden Verordnung bleibt die Ausstellung voraussichtlich bis einschließlich 17.5.2021 geschlossen! / Due to the currently applicable regulation, the exhibition is expected to remain closed until May 17th, 2021!

 

* Wir bitten um Verständnis, dass die angegebenen Öffnungszeiten gegebenenfalls aufgrund des Infektionsschutzgesetzes nicht eingehalten werden können. Kommen Sie bitte immer mit FFP2-Maske und getestet zu uns. Wir nutzen die App luca. 

ACTIVIST NEUROAESTHETICS findet im Laufe des Jahres 2021 an wechselnden Orten rund um den Rosa-Luxemburg-Platz statt. Das Programm begann am 5. und 6. März mit einem Online-Symposion. Es wirft ein Schlaglicht auf künstlerische Forschung und Aktivismus im Bereich der Neuroästhetik, um der neoliberalen Vereinnahmung dieses Feldes entgegenzuwirken, wie sie derzeit in ganz Deutschland und auch in Berlin in vollem Gange ist. Die sogenannte ‚Positivistische Neuroästhetik‘ benutzt Forschung, um neoliberale Neuroökonomien voranzutreiben. In diesen geht es darum, kognitive Arbeit auf eine Weise zu optimieren, bei der Pharmazeutika wie Ritalin und Big Data ein unheilvolles Bündnis eingehen, um flexible, normierte Arbeitskräfte zu formen. ‚Aktivistische Neuroästhetik‘ hingegen nutzt die Geschichte der Kunstproduktion (ihre Räume und Zeitlichkeiten), um einen Gegen-Diskurs über Wahrnehmung und Kognition zu initiieren. Ihr geht es um die Ko-Evolution von Ereignissen innerhalb und außerhalb des Gehirns, und nicht zuletzt um die Erweiterung – nicht Normierung – unserer kognitiven Fähigkeiten.

ACTIVIST NEUROAESTHETICS

Die Ausstellung ‚Activist Neuroaesthetics‘ gliedert sich in drei Teile: ‚Brain Without Organs‘, ‚Sleep and Altered States of Consciousness‘ und ‚Telepathy and New Labour‘. Die einzelnen Ausstellungen finden nacheinander vom 1. Mai bis zum 8. August 2021 in unseren Räumen statt. Sie spielen flexibel ineinander, so dass sich vielfältige Anknüpfungspunkte und Resonanzen entspinnen werden.

Part 1: Brain without Organs
Douglas Gordon, Dafna Maimon, Warren Neidich, Jeremy Shaw, Ryan Trecartin & Lizzie Fitch, Tabita Rezaire, Alfred Ehrhardt

Brain Without Organs (BrWO) geht auf das Vorläuferkonzept des ‚organlosen Körpers‘ zurück (Body Without Organs – BWO), wie es zuerst von Antonin Artaud eingeführt und später von Gilles Deleuze und Felix Guittari in Anti-Ödipus (1972) und Tausend Plateaus (1980) aufgegriffen und weitergeführt wurde. Es beschreibt einen Körper, der völlig unfixiert ist (wie ein Teratom oder ein heterodoxer Körper) und von der offiziellen Doktrin abweicht. In diesem Körper ist die Organisation der Organe – von ihrer Zellstruktur, über die Beziehungen zwischen den einzelnen Organen, bis hin zum Organismus als Ganzem – emanzipiert von der Tyrannei eines körperlichen Gesamtplans. Mit anderen Worten: Der organlose Körper entzieht sich der Regulierung durch das a priori installierte Programm des DNA-Codes; darüber hinaus entkommt er den Überwachungsmechanismen seiner soziokulturellen Kontexte. War der Body Without Organs einst ein wirksames Instrument gegen die repressiven Einflüsse des Fordismus und Postfordismus, so hat ihn der kognitive Kapitalismus, in dem das Gehirn und der Verstand die neuen Fabriken des 21. Jahrhunderts sind, heute unschädlich gemacht. Überträgt man aber die Idee des Body Without Organs auf das Gehirn, dann fehlt es einem Brain Without Organs nicht an Modulen, Knotenpunkten oder überprüfbaren Erkenntnissen. Gemäß dieses Modells, das die Organe neu organisiert, wird das Brain Without Organs selbst zu einem unbestimmten Organ, dessen Potential nun vor Allem in neuraler Plastizität liegt. Das Gehirn besteht in diesem Modell aus drei interagierenden, verschränkten und ko-evolvierenden Systemen: 1. Dem intrakraniellen, materiellen Gehirn, das sich im Inneren des Schädels befindet und aus grauer und weißer Materie besteht. 2. Dem situierten und mobilen Körper, der sich mittels Sensibilität bewegt und interagiert. 3. Dem extrakranialen Gehirn, das aus der Welt der Dinge besteht, aber auch aus soziokulturellen und technologischen Beziehungen und deren ideologisch-diskursiven Entsprechungen, die sich ihrerseits ständig weiterentwickeln. Dieses intra-extrakranielle Brain Without Organs reicht einerseits bis zum Anfang des Universums zurück und bezieht auch tierisches und pflanzliches Bewusstsein mit ein. Andererseits unterliegt es den tiefgreifenden Einflüssen von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz – und einer ungewisse Zukunft sich ständig erweiternder Möglichkeiten. In diesem Sinne stehen die Advokat*innen des Brain Without Organs heute für das ein, was man ‚das posthumanistische, postkoloniale, xenofeministische und afro-futuristische Versprechen‘ nennen könnte.

* We ask for your understanding that the opening times may not be adhered to due to the Infection Protection Act. Please always come to us with an FFP2 mask and tested. We use the app luca.

ACTIVIST NEUROAESTHETICS takes place at various venues on Rosa-Luxemburg-Platz over the course of 2021. The program kicked-off with an online symposion on March 5th and 6th. Through this programming we aim to re-center artist-led activity in neuroaesthetics in order to counter the neoliberal tendencies in the field that are currently prominent throughout Germany, including Berlin. In what is referred to as a Positivist Neuroaesthetics approach, research feeds back into and reinforces neoliberal neural-based economies aimed at optimizing cognitive labor where pharmaceuticals like Ritalin are combined with Big Data to create a flexible, normalized workforce. Activist Neuroaesthetics uses its own history of art production, spaces, and temporalities to produce an alternative discourse concerning perception and cognition where events going on inside and outside the brain coevolve together – and our cognitive abilities are expanded, rather than normalized.

ACTIVIST NEUROAESTHETICS

The exhibition ‚Activist Neuroaesthetics‘ is divided into three parts: ‚Brain Without Organs‘, ‚Sleep and Altered States of Consciousness‘ and ‚Telepathy and New Labour‘.  The individual exhibitions will take place in our space from May 1st to August 8th, 2021.  Their designation is not hard-edged but fuzzy. One can imagine multiple links and confluences that bind them together.

Part 1: Brain without Organs
Douglas Gordon, Dafna Maimon, Warren Neidich, Jeremy Shaw, Ryan Trecartin & Lizzie Fitch, Tabita Rezaire, Alfred Ehrhardt

The brain without organs (BrWO) derives its name from the earlier concept of the body without organs (BWO) as it was first defined by Antonin Artaud and later expanded upon by Gilles Deleuze and Felix Guattari in Anti-Oedipus (1972) and A Thousand Plateaus (1980). It describes a body that is totally unfixed (like a teratoma or heterodox body) at variance with official doctrine. In this body, the organization of organs—from their cellular structure to their relationship with other organs and the organism as a whole—is free from the despotism of the body’s overall plan. In other words, it is free from the rules and regulations of the a priori program situated in the DNA code and the surveillance mechanisms operating in the socio-cultural context in which it is situated. Superimposing this idea of the body without organs onto the brain, one could say that a brain without organs does not lack modules, hubs, and verifiable cognits—it simply lacks the organism. The brain, as defined here, is composed of three interacting, entangled and coevolving systems: 1. The intracranial material brain located inside the skull composed of gray and white matter. 2. The situated and mobile body moving through and interacting with sensibility. 3. The extracranial brain composed of the world of objects, things, as well as, socio-cultural and technological relations and their ideological-discursive counterparts. Today, this intra-extracranial brain without organs might be considered post-colonial, post-humanist and post-capitalist.

The project is supported by Haupstadtkulturfonds and StediStiftung