Raphael Danke, The Double Disappearance of an Architect

11.9.—20.11.11

WallworkK #4, 11.9.—20.11.11

In seinem 1903 erschienenen Text ‚Die Großstädte und das Geistesleben’ schreibt der Soziologe Georg Simmel, dass Großstädter angesichts der Fülle der zwischenmenschlichen Begegnungen, denen sie jeden Tag ausgesetzt sind, gar nicht anders können, als ihren Mitmenschen mehrheitlich aus dem Weg zu gehen, denn ohne Distanz und Abwendung sei diese Art von Leben gar nicht auszuhalten. So ist es eben auch eine elementare Sozialisierungsform, seinen Hausnachbarn nicht mal von Ansehen zu kennen und sich im ihm im Gegenzug auch nicht aufzudrängen, sondern sich vielmehr unhörbar und unsichtbar zu machen.

Obwohl eher atmosphärischer Natur, liegen diese Assoziationen nahe, denn Raphael Dankes Arbeit ‚The Double Disappearance of an Architect’ ist von ausgesprochen urbaner Natur. Man sieht in erster Linie eine Backsteinmauer, deren vergoldete Strukturen einen Menschen mehr verbergen als zeigen. Hier ist eine Hand erkennbar, dort scheint die Silhouette eines Gesichts auf. Der Bildtitel identifiziert die Figur als Architekten. Natürlich ist die kontinuierliche Recherche des Künstlers zur Präsenz des menschlichen Körpers nicht die eines Stadtsoziologen. Vielmehr setzt Raphael Danke in seinen Arbeiten schon seit geraumer Zeit verschiedene Auffassungen von Körpern – menschlichen, künstlichen wie geometrischen – in Bezug. Notwendigerweise betrachtet er die Dinge dazu ausgiebig, um sie dann zu zerlegen oder zumindest zu deformieren um sie dann anders zu stellen, zu zeichnen und neu zusammenzubringen. Er formt und verändert permanent, vernetzt auf surreale Art und Weise die unterschiedlichen gestalterischen Genres. Collagen mit ihren Schnitten und Verschiebungen sind das ideale Medium dafür.
 
Als dritte Kommission der vom Verein für das Foyer des L40 organisierten Reihe ortsspezifischer Arbeiten adressiert ‚The Double Disappearance of an Architect’ unmittelbar das Spannungsverhältnis von Bild und Wand, zwischen Architektur und Kunst. Elementare Materialien der Architektur werden als golden überhöhte Zitate vor der Folie minimalistischer Moderne gelöscht und verformt und entstehend neu aus Schnipseln und Rudimenten. Der Effekt ist wie ein ungeschriebenes Zitat oder eine nicht endgültig Gestalt findende Form. Relevanz manifestiert sich so gerade in ihrer Abwesenheit. Die Kunst von Raphael Danke kann daher vielleicht als Versuchsanordnung begriffen werden, die bekannte Geschichten neu erzählen.
Susanne Prinz

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