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Seit fast zwei Jahrzenten entwickelt Malene Landgreen ihre Arbeiten im Spannungsfeld von freier Malerei und architekturbezogener Farbintervention. Viele ihrer Werke, die erst im Bezug zum architektonischen Raum ihre endgültige Form annehmen, sind durch Prinzipien eines erweiterten Malerei- und Poesiebegriffs bestimmt. Dabei fließen in ihre zunächst unabhängig entstehenden Bilder und Collagen zunehmend höchst eigensinnige, der Malerei ursprünglich fremde Materialien ein. Diese verdichten sich dann später zu raumgreifenden Environments.

four dimensional desires ist die erste größere Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin. Unmittelbar bei Betreten der Ausstellung wird klar, dass man das Medium Malerei in den Händen Landgreens unterschätzt, wenn man es auf seine klassische technische Erscheinungsform, der Spur des Pinsels auf der Leinwand reduziert. Tatsächlich verfügt ihre Malerei über einen Fundus an Materialien, Formen und Assoziationen, der genauso erfolgreich Fläche-Raum-Probleme behandeln wie durch Beziehungen untereinander und Abweichungen voneinander neue Räume öffnen kann. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es ginge der Künstlerin hier mehr um Relationen als die Wirkung einzelner Werke, obwohl diese zahlreich an prominenten Stellen vorkommen. Tatsächlich wird in mancher Konstellation das individuelle Bild zugunsten raumbezogener Konzepte beinahe ohne Widerspruch minimiert. So erscheint dasselbe Motive, das noch 2012 auf dem Gemälde Egocentric Figur als kaleidoskopisch-buntes Prisma zentral vor einem blau-weißen Strandkorbstreifen schwebt, im Kontext der Ausstellung zwei weitere Male als Spiegelobjekt vor einer konsequent nicht-farbigen Wand. Versteht man Farbe nun in erster Linie als Licht und Schwarz als Abwesenheit von Licht, dann liest sich die neue Wandarbeit als Dekonstruktion des früheren Gemäldes, indem sie aus dem gleichermaßen bunten Vorder- und Hintergrund einen unbunten Hintergrund und einen maximal lichtbündelnden quasi hyper-egozentrischen Vordergrund destilliert.

Tatsächlich sind Farben naturwissenschaftlich ja in erster Linie eine Mischung aus Licht, dem Untergrund, von dem es reflektiert wird und dem Medium, durch das es gesehen wird. An mehreren Stellen in der Ausstellung führt Landgreen dem Betrachter die gegenseitige Bedingtheit dieser Dinge unmittelbar lebenswirklich vor Augen. Neben den Spiegelobjekten geschieht dies vor allem in den rahmenlosen, transparenten Gazewänden, die von der Künstlerin an strategischen Stellen im Raum installiert wurden. Lässt man die klassischen Leinwandbilder mal außer Acht erscheinen One for all and all for one (A simple idea becomes a lot) und Starting over (Making sense) dabei als Extreme aus dem Spektrum der Möglichkeiten, das sich auftut, wenn man beginnt Elemente und Farben zu entwirren. Ist bei ersteren die Farbe absolut und trotz Lichteinfalls noch ganz bei sich, so macht das Licht in besonderem Maße die Sinnlichkeit und Schönheit letzterer aus.

Landgreen führt hier exemplarisch vor, wie ihre eigenartige Mischung aus vermeintlich subjektiven malerischen Entscheidungen mit einem eher rationalen Konstruktivismus zu Inszenierung führen, die zwischen begrenzt und unendlich oszillierend Zeit und Raum nicht als vektorielle Phänomene begreifen, sondern Resultat räumlicher Beziehungen und Perspektive.

Geöffnet Do + Fr 14 – 18 Uhr und nach Vereinbarung

 

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Unter Abstraktion wird gemeinhin die Reduktion auf das Wesentliche eines Gedankens verstanden. Auch in der bildenden Kunst bezieht der Begriff sich auf Bilder oder Skulpturen, die im Gegensatz zu realistischen Arbeiten Einzelheiten zugunsten einer prägnanten Form weglassen oder gleich ganz auf wiedererkennbare Objekte verzichten. Frank Maiers Krabbensucher entspricht ist im Detail tatsächlich dieser Definition. Das Vertrackte ist nun, dass die schräge Konstellation mit ihren Bildboxen auf einer farbfeldartigen Wandmalerei in ihrem prominentesten Teil aber sofort als riesige Fratze, als asiatisch anmutende Maske zu erkennen ist. Was malerischer Methode, Stil und Form betrifft, haben wir also augenscheinlich ein Problem. Dass Maier von ‚umgekehrten Kubismus’ spricht und eine eiscreme-hafte Farbauswahl in Erdbeer und Waldmeister auftischt, macht die Sache nicht einfacher.

Ein Vorschlag zum Verständnis wäre die zwischen Ästhetizismus und Albernheit, zwischen Ernst und Ironie oszillierenden Krabbensucher nicht mit Kategorien wie Figuration und Abstraktion zu betrachten, sondern – quasi wörtlich – von einer Maskierung zu sprechen. Ausgehend von der etablierten Entwicklungsgeschichte westlicher Malerei als systematische Zerstörung des Figurativen, sind damit eigentlich jene postabstrakten Werke gemeint, die die Fortsetzung der modernen Repräsentationskritik mit anderen Mitteln als denen der Defiguration betreiben. Die Frage ist, ob Maiers Arbeiten, die ohne Zweifel ausgesprochen abstrakt daherkommen aber sich gleichzeitig zu etwas Erkennbaren formieren, als ironischer Kommentar zur Krise des Bildes gemeint sind. Oder beschäftigen den Künstler eher die Verschiebungen und Konflikte, die dort entstehen, wo verschiedene Systeme des Bildverständnisses aufeinander treffen? Eindeutig ist, dass der etablierte Abstraktionskanon mit seinen Farbmystikern, Farbe-als-Material-Theoretikern und Farbfeldsystematiker unverzichtbare Folie ist. Sie ist Ausgangspunkt für ein wildes Programm von Anspielungen, Verweisen und spleenigen Quasi-Zitaten, das erst gepaart mit unserer erlernten Fähigkeit, selbst in den reduziertesten Formen noch etwas lesen zu können, zu einem typischen Maier-Werk werden kann. Mit Krabbensucher, seiner ersten unmittelbar architekturbezogene Installation, hat der Künstler eine verblüffend einfache Lösung gefunden, seiner andauernden Recherche einen weiteren Dreh zu geben. Denn hier trifft buchstäblich zu, dass sich nicht nur – wie im Zusammenhang seiner autonomen Bildboxen zu beobachten – die Bildflächen von der Wand weg in den Raum hinein aufblättert sondern Realraum und Bildraum sind untrennbar miteinander verwoben. Das Resultat ist eine Installation, die das Publikum zu Mitverschwörern macht und es ihm nicht gerade leicht macht, sich im Sperrfeuer manieristischer Tricks zu positionieren. Zum Glück liefert der Künstler die Beute jedes Krabbensuchers gleich mit. Hoch oben im Treppenhaus hat er das Porträt des archaischen Urtiers separat platziert. Da sitzt es nun, das Krustentier, das sich mehr rückwärts und seitwärts als vorwärts bewegt.